Montag, 9. Juni 2008, 9:19 Uhr

Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) feiert Geburtstag

Vor 125 Jahren wurde die gesetzliche Krankenversicherung ins Leben gerufen. Der Reichstag verabschiedete am 15. Juni 1883 das „Gesetz betreffend die Krankenversicherung des Arbeiters“. Reichskanzler Otto von Bismarck wollte die unzufriedenen Arbeiter mit einer sozialen Wohltat besänftigen.

Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) feiert GeburtstagVon dem neuen Gesetz waren rund vier Millionen Menschen betroffen. Erstmalig waren Fabrikarbeiter vor Verdienstausfall bei Krankheit geschützt. Der Grundstein für die gesetzliche Krankenversicherung in ihrer heutigen Form war gelegt. Am Mittwoch, dem 11. Juni 2008 wird im Berliner Admiralspalast der 125. Geburtstag der GKV in einem Festakt mit Bundeskanzlerin Angelika Merkel gefeiert.

Die neuen gesetzlichen Absicherungen

Krankheiten oder Unfälle hatten zu Zeiten Kaiser Wilhelms I. für die meisten Arbeiterfamilien katastrophale Auswirkungen. Deshalb war die wichtigste Leistung der neuen Pflichtversicherung die Lohnfortzahlung bei Krankheit. Vom Jahr 1885 ab übernahm die Versicherung ebenfalls Arzt- und Krankenhauskosten, und auch Arzneien und die Unterstützung für Frauen nach der Geburt wurden bezahlt.

Heutige Parallelen

Die Finanzierung war ähnlich organisiert wie in heutiger Zeit. Die Beiträge wurden von Arbeitnehmern und Arbeitgebern aufgebracht. Allerdings zahlten die Versicherten damals zwei Drittel der Abgaben. Im Jahr 1881 kündigte Kaiser Wilhelm die Sozialgesetze in einer Botschaft an. Pikanterweise warnte er bereits bei dieser Ankündigung vor der „Aufwendung erheblicher Mittel“. Die Angst vor galoppierenden Kosten war also schon im System angelegt.

Strapazierfähiges GKV-System

Das System zeigte erstaunliche Stabilität und Flexibilität, wenn es galt, alle möglichen Wirren zu überleben. Zwei Weltkriege, große Inflationen und Massenarbeitslosigkeit am Anfang des vergangenen Jahrhunderts drohten mehrfach, das System zu kippen. Zum Ende der Weimarer Republik mussten die Allgemeinen Ortskrankenkassen ein System von Spitzeln einrichten, um den Missbrauch von Krankengeld einzudämmen. Denn die Arbeiter versuchten, sobald sie von der Entlassung bedroht wurden, ihren Lebensunterhalt mit dem Krankengeld zu bestreiten. Diese Ausgaben waren so hoch, dass schon damals zusätzliches Geld mit Rezeptgebühren und Zuzahlungen beschafft werden musste.

Ausstieg bereits geprobt

Der Rückzug aus dem System der gesetzlichen Krankenkassen ist eigentlich nichts Neues. Was heute heftig diskutiert wird, fand bereits am 01. Dezember 1923 statt. Die niedergelassenen Ärzte kündigten die Verträge mit den Krankenkassen und behandelten Kassenpatienten nur noch gegen Barzahlung. Damals wurden als Antwort „Ambulatorien“ gegründet, die mit angestellten Ärzten besetzt waren. Aus diesen Auseinandersetzungen gingen die Kassenärztlichen Vereinigungen als alleinige Vertragspartner für die Krankenkassen hervor.

Unsichere Zukunft des Systems

Bis zu den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts ging es dann den Sozialversicherungen ausgesprochen gut. Mehr Wohlstand, gute Lebens- und Arbeitsbedingungen bedeuteten viele Beitragszahler. Die Sozialleistungen stiegen höher an als die Einkommen. Nur konnte das nicht von Dauer sein. Fehlende Beiträge durch hohe Arbeitslosigkeit, die demografische Entwicklung und kostenintensive neue Therapien zehrten an der Substanz des Systems.

Kritiker wie die FDP fordern heute die Abschaffung des gesamten Systems, doch die Befürworter setzen weiterhin auf seine ungebrochene Kraft. Es wird einschneidende Veränderungen und Umstrukturierungen geben müssen, um die so lange bewährten Organisationen zu erhalten. Wie das allerdings genau aussehen wird, weiß im Moment noch niemand zu sagen.

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