Mittwoch, 9. Juli 2008, 10:14 Uhr

Zukunftsmodell Direktvertrag: Krankenkassen und Mediziner

Ein neu geschaffenes Instrument der Gesundheitsreform wird langsam aber stetig wirksam. Anfang Juli trat der erste Direktvertrag zwischen der AOK Baden-Württemberg und dem “Medi-Verbund” in Kraft.

Zukunftsmodell Direktvertrag: Krankenkassen und Mediziner Erklärtes Ziel des Vertrages ist es, die Monopolstellung der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) zu torpedieren. Die Machtposition der KVen beruht vor allen Dingen auf ihrem Recht, die Verteilung des Geldes unter den Ärzten zu organisieren und zu bestimmen. Der Hausärzteverband „Medi Verbund“ sieht in dem Direktvertrag einen „Quantensprung“. Es ist ein historisches Ereignis, mit dem sich die teilnehmenden Ärzte ihre Unabhängigkeit erstreiten. Sie wollen sich nicht mehr kontrollieren und passiv verwalten lassen.

Revolution an der Honorarfront

Ein teilnehmender Hausarzt spricht von einer „Revolution“ im Bereich der Gebühren und Honorare. Bisher wusste er am Ende eines Quartals nicht genau, ob seine Behandlungen und Therapien überhaupt noch vergütet werden. Die Abrechnungen liefen bisher über die Kassenärztlichen Vereinigungen, waren elend unübersichtlich und kosten viel Zeit, die eigentlich in die Patienten investiert werden sollte.

Dagegen ist das neue Abrechnungssystem ausgesprochen einfach. Es ist wirklich revolutionär, dass den Ärzten ihr Verdienst nun exakt in Euro und Cent von vornherein bekannt ist. Genauso neu und sehr wichtig ist, dass ein Mediziner mit dem neuen Vertrag jede Leistung bezahlt bekommt. Jede Behandlung wird vergütet. Es gibt kein Punktesystem mehr, sondern eine Patientenpauschale. Die Vorteile für die Patienten sind kürzere Wartezeiten und längere Sprechstunden, auch in den Abendstunden.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung warnt vor Unübersichtlichkeit, sollte es in Zukunft viele Einzelverträge geben. Unterschiedliche Regelungen für jede Krankenkasse wirken dann wie ein „Flickenteppich“. Man wird nur das Gefühl nicht los, dass die KVen sich an den Rand gedrängt fühlen und eigentlich kaum gewichtige Argumente haben.

Höheres Honorar durch Rabattverträge

Der Hausarztvertrag der AOK Baden-Württemberg regt den Wettbewerb unter den gesetzlichen Krankenkassen an. Das ist sicherlich politisch so gewollt, denn Konkurrenz belebt das Geschäft. Insgesamt sehen alle Beteiligten den Vertrag positiv. Die Krankenkassen sparen, der Service für die Patienten verbessert sich und die Ärzte bekommen mehr Geld.

Allerdings ist die Finanzierung dieser zusätzlichen Mittel noch nicht ganz geklärt. Durch Rabattverträge sollen Arzneimittelkosten gesenkt und die Ärzte zum Sparen animiert werden. Ein Vertreter der AOK betonte, dass den Medizinern über ein Computerprogramm Hinweise gegeben werden sollen, wie man kostengünstige Formen für Therapie und Arzneien finden und anwenden kann. Selbstverständlich soll das ohne jede Einschränkungen der Qualität und auch ohne Beschneidung der Therapiefreiheit passieren.

Politik begrüßt die neuen Verträge

Marion Caspers-Merk, Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, sagte in dem ARD-Bericht über den Direktvertrag, dass das Monopol der Kassenärztlichen Vereinigungen „ein Stück weit“ aufgehoben würde. Auch die Vereinigungen können sich an Verträgen beteiligen, sind aber nicht mehr die alleinigen und exklusiven Verhandlungspartner. Vielfalt und Wettbewerb sind auch hier starke Motoren. Sollten der Direktvertrag Nachahmer finden, stehen die Kassenärztlichen Vereinigungen zweifellos auf der Seite der Verlierer. Die Gewinner aber sind mit Sicherheit Ärzte und Patienten.

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