Samstag, 20. September 2008, 12:43 Uhr

Tabak und Alkohol - zwischen Krankmacher und Lifestyle

Die Bundesärztekammer fordert, Raucher als Kranke einzustufen. Sie sind dem Nikotin verfallen und müssen demnach als abhängig Kranke behandelt werden. Damit würde auch eine entsprechende Änderung der Honorarregelungen fällig.

Tabak und Alkohol - zwischen Krankmacher und LifestyleDarüber ist schon wieder einmal Streit zwischen den gesetzlichen Krankenkassen und den Ärzten ausgebrochen. Die Bundesärztekammer will zukünftig Raucher als kranke Menschen einstufen, die spezieller Behandlung bedürfen. Das Rauchen sei kein “Lifestyle-Problem”, das mit einiger Willensanstrengung oder in lockeren Gruppengesprächen zu lösen sei, heißt es in einer Stellungnahme der Bundesärztekammer. Nichtraucherkurse gibt es kaum auf regionaler Ebene. Zudem würden solche Kurse nur von Krankenversicherten aus mittleren und höheren Schichten wahrgenommen, in denen es sowieso nur wenige Raucher geben würde.

Krankenkassen ohne Interesse

Die Krankenkassen winken ab. Florian Lanz, Sprecher des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen, sieht überhaupt keinen zusätzlichen Handlungs- und schon gar keinen Vergütungsbedarf. Die Krankenkassen sind bereits sehr bei diesem Thema involviert und engagiert, denn sie finanzieren regelmäßige Gesundheitsüberprüfungen auch für Raucher. Spezielle Programme zur Herz-Kreislauf-Diagnostik, zur Behandlung von Folgeerkrankungen und zur Diabetes-Problematik würden bezahlt.

Reaktionen von Zustimmung bis Ablehnung

Das Echo auf diesen Vorstoß ist geteilt. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung will Möglichkeiten prüfen, die Behandlung von Tabakabhängigen nachhaltiger zu finanzieren. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen stellt ein paar skeptische Fragen. Ist jeder Raucher per definitionem krank? Wie soll die Unterscheidung zwischen Kettenrauchern und Gelegenheitsqualmern, den Genuss- und Entspannungsrauchern eigentlich getroffen werden? Lautstarke Proteste waren von der Tabakindustrie zu hören. Hier soll ein Drittel der deutschen Bevölkerung schlagartig für krank erklärt werden, so die Argumentation. Für die Zigarettenindustrie sind solche Vorschläge krank, aber nicht pauschal alle Raucher.

Raucher vielleicht krank, Komatrinker bestimmt

Definitiv aber werden viele Jugendliche durch ihren Umgang mit dem Alkohol krank. Die Zahl der jungen Menschen zwischen 13 und 17 Jahren, die wegen ihres Alkoholkonsums in Krankenhäuser eingeliefert werden mussten, ist seit 2004 um 28 Prozent gestiegen. Nach einer Analyse der Deutschen BKK stieg die Zahl der Krankenhausaufenthalte in diesem Zeitraum stetig an. Hochgerechnet werden für das laufende Jahr 210 Einlieferungen erwartet. Wird diese Schätzung Realität, wäre das eine Rekordzahl, die zusätzliche Kosten in Höhe von 105.000 Euro bedeuten würde.

Ein Faktor - die Alkoholwerbung

Wesentlichen Anteil an der Steigerung von jugendlichem “Komasaufen” und der Flatrate-Partys hat offensichtlich die Alkoholindustrie. Ihre Werbung wendet sich durchaus gezielt an jugendliche Konsumenten. Es wird kräftig verdient, aber es gibt keinerlei Beteiligung an den Folgekosten des Alkoholmissbrauches. Im aktuellen Drogenbericht ist deutlich abzulesen, dass die Alkoholwerbung in direktem Zusammenhang mit dem Alkoholkonsum von Kindern und Jugendlichen steht. Je mehr Werbung, desto früher und exzessiver setzt das Trinken ein.

Industrie soll Kosten mittragen

Der Chef der Deutschen BKK, Achim Kolanowski, will die Alkoholindustrie dazu verpflichten, ihren Anteil an den Folgekosten zu übernehmen. Man könnte eine Beteiligung für jeden verkauften Liter einführen, der dann zur Suchtvorbeugung und für die anfallenden Krankenhauskosten verwendet werden könnte. “Jeder Fall eines Jugendlichen, der volltrunken in der Notaufnahme landet, ist tragisch und jeder Fall ist einer zuviel. Die Alkoholindustrie sollte endlich zur Verantwortung gezogen werden und einen Teil der Krankenhauskosten übernehmen.”

Ihre Meinung zu “Tabak und Alkohol - zwischen Krankmacher und Lifestyle”

Vollständiger Name:

E-Mail: (wird nicht angezeigt)

Website: (optional)

Spamschutz: Summe aus 8 + 9 ?

Hinweis: Wir freuen uns über Ihre Kommentare. Bitte bleiben Sie sachlich und konstruktiv. Alle Kommentare werden vor der Veröffentlichung von einem Moderator überprüft und sind nicht für jeden Besucher sofort sichtbar. Es besteht kein Anspruch auf Veröffentlichung.