Rettungsaktion

Budget überschritten - Spendenkonto für die Hausärztin

Donnerstag, 13. Nov 2008, 17:23
Von der Leichtigkeit und Unbeschwertheit einer Fernsehserie hat das Dasein als Landärztin für Claudia Schubert gar nichts. Ganz im Gegenteil. Die Hausärztin aus dem mittelfränkischen Bullenheim muss um ihre Existenz fürchten.

Das Budget reicht für Landärzte meist nicht aus.

Insgesamt 400 000 Euro möchte die Krankenkasse nach einer sogenannten Wirtschaftlichkeitsprüfung von ihr zurück, weil sie ihr Budget überzogen haben soll. Da das wiederum ihren wirtschaftlichen Ruin bedeuten würde, haben ihre Patienten nun ein Spendenkonto für sie eingerichtet und mit Plakaten in und um Bullenheim auf die Notlage aufmerksam gemacht. Die Aushänge hat Schubert nach eigenen Angaben schnellstens entfernt und auch die Spendenaktion behagt ihr nicht: "Die Patienten meinen es ja gut, aber das ist mir einfach peinlich."

Kranke sind zu teuer

Initiiert hat die ungewöhnliche Hilfsaktion der Rentner Kuno Gögel aus Obernbreit, der schon über 15 Jahre Patient von Schubert ist. "Sie hat schon so vielen Leuten das Leben gerettet, ist Tag und Nacht erreichbar, wenn kein anderer Arzt da ist", lobt er die Ärztin. Die hat über 2000 Patienten in dem ländlichen Gebiet zu versorgen, darunter nach ihren Angaben viele chronisch Kranke. Und genau das ist das Problem. Statt wie laut Budgetvorgabe 50 Euro pro Patient und Quartal kosten einzelne chronisch Kranke oder Krebspatienten 9000 Euro. "Ich kann ja solche Leute nicht hängenlassen", rechtfertigt sie sich.

Geld wichtiger als Patienten

Die Prüfungsstelle Ärzte in Bayern, eine Einrichtung der Krankenkassen und der Kassenärztlichen Vereinigung, habe ihr mündlich empfohlen, die teuren Patienten doch loszuwerden oder eher zum Spezialisten zu schicken. "Wenn ich das so handhabe, komme ich mit meinem Schnitt natürlich runter", räumt sie ein. Sie könne ihren Patienten aber nicht zumuten, etwa wegen einer Bindehautentzündung oder wegen Rheumas fast 20 Kilometer zum nächsten Facharzt überwiesen zu werden.

Spagat zwischen Verschwendung und Notwendigkeit

Im schriftlichen Bericht der Prüfung heißt es, Schubert "fügt der Solidargemeinschaft der gesetzlichen Krankenversicherten durch ihre unwirtschaftliche Verordnungsweise Quartal für Quartal Schäden in beträchtlichem Umfang zu". Darum werde man die "verschwenderisch verursachten Kosten" zurückfordern. Die Ärztin sei schon seit Jahren statistisch auffällig und überschreite den Durchschnittswert ihrer Fachgruppe um über 50 Prozent.

Landärztliche Praxen benachteiligt

Ein ähnliches Schreiben hat auch die Bayreuther Ärztin Angelika Reich bekommen. Die Lungenspezialistin ist Sprecherin des Arbeitskreises regressbetroffener Ärzte in Bayern. Nach ihren Angaben müssen für das Jahr 2007 im gesamten Freistaat 460 niedergelassene Ärzte mit Rückzahlungsforderungen von insgesamt rund 15 Millionen Euro rechnen. "Das ist eine Frechheit manchen Praxen gegenüber", zürnt sie. Speziell im ländlichen Bereich seien die Richtgrenzen "aberwitzig niedrig" und es gebe keine Logik dahinter. So habe ein Mediziner in Thüringen teilweise das dreifache Budget pro Patient wie sein Kollege in Bayern. "So viel kränker sind ja die Patienten dort auch nicht", kommentiert sie. Sie kritisiert, dass bei dem Prüfverfahren sich Sachbearbeiter anmaßten, zu entscheiden, was medizinisch richtig oder falsch sei. "Und die Kassen wollen sparen auf Teufel komm raus und erkennen praktisch keinen Sonderfall an", fügt sie an.

Ruinöse Regressforderungen

Für ihre Kollegin Schubert in Bullenheim bleibt jetzt noch die Hoffnung, sich mit der Prüfstelle doch noch auf einigen niedrigeren Betrag einigen zu können, wie in einem früheren Fall. Ausführlich hat sie in einer Erwiderung auf den Prüfbericht zu allen 16 ihr vorgeworfenen Punkten der Geldverschwendung Stellung genommen. Und schließt mit dem Satz: "Die Angst vor Regressen schnürt mir den Atem und alle Lebensfreude ab." Genau das will Kuno Gögel mit der Spendenaktion etwas lindern: "Sie hat schon so vielen Leuten geholfen, jetzt sind wir dran, etwas für sie zu tun." (ddp/1A)




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