H1N1-Virus
Grippe-Impfung für 25 Millionen Deutsche kein Großversuch
Dienstag, 04. Aug 2009, 06:30
Die Nebenwirkungen der Impfungen sind unklar.
Der Arzt Wolfgang Becker-Brüser ist der Herausgeber des "arznei-telegramms", ein pharmakritischer Informationsdienst für Apotheker und Mediziner. Er warnt vor den unberechenbaren möglichen Folgen des neuen Impfstoffes. "Was wir hier erleben, ist ein Großversuch an der deutschen Bevölkerung", sagte Becker-Brüser dem "Spiegel". Er behauptet, dass die Tests für die bevorstehende Massenimpfung im Herbst nicht sehr ausführlich und viel zu schnell durchgeführt werden. Doch besondere Sorgfalt sei eigentlich vonnöten, denn für den Impfstoff sollen neue Verfahren zur Herstellung angewandt werden. Der neue Impfstoff soll mit zusätzlichen Substanzen angereichert sein, die seine Wirkung erheblich verstärken werden.
Eile kontra Sicherheit
Bei den Testverfahren für Musterimpfstoffe werden nur Nebenwirkungen erkannt, die häufig auftreten, also mindestens bei einem von 100 Geimpften. Die Risiken, die unterhalb dieser Schwelle liegen, werden offensichtlich ausgeblendet. Das bedeutet rein rechnerisch, dass im Verlauf von 25 Millionen Impfungen rund 250.000 Menschen Nebenwirkungen aufweisen könnten. Niemand kann genau sagen, wie solche Nebenwirkungen aussehen und wie leicht oder schwer sie verlaufen werden. Der Virologe Alexander Kekulé arbeitet an der Universität Halle-Wittenberg. Er gibt den Grund für das eilige Zulassungsverfahren damit an, dass man vor einer hochgefährlichen Pandemie stehe und nicht mehr viel Zeit für Gegenmaßnahmen bleibt. Doch inzwischen sei das bei den meistens harmlosen Verläufen nicht mehr so eindeutig. Es sei also zu überlegen, "ob man bei der Zulassung nun nicht noch ein paar zusätzliche Sicherheitsebenen einzieht".
Zweite Welle fraglich
Die Bundesländer stehen offensichtlich auch nicht mehr völlig kritiklos hinter dem beschlossenen Impfkonzept. Zweifel an den Aktionen hat auch Matthias Gruhl, der Bremer Abteilungsleiter Gesundheit. Er ist unter anderem an der Planung für die Maßnahmen gegen die Pandemie zuständig. "Wenn der Verlauf der Schweinegrippe so harmlos bleibt wie jetzt, wäre ein Massenimpfprogramm nicht gerechtfertigt", so seine Überzeugung. Die Eile und die große Anstrengungen haben den einzigen Grund, dass es eine weitere, wesentlich schlimmere Welle der Schweinegrippe gegen wird. Doch dafür gibt es zumindest nach dem aktuellen Stand keinerlei Anzeichen.
Großversuch ist absurd
Gegenwind für diese Darstellungen kommt aus dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI). Dr. Susanne Stöcker, Sprecherin des Institutes, macht unmissverständlich klar, dass es eine "breite Datenbasis" für die Bestandteile der Impfstoffe gibt. "Deswegen hat die Anwendung dieser Vakzine in keiner Form auch nur annähernd etwas mit einem "Großversuch" zu tun." Sie erteilt den Aussagen von Wolfgang Becker-Büser eine klare Absage. Die PEI-Sprecherin bezeichnet sie schlichtweg als falsch. Die Zusätze im Impfstoff, die seine Wirkung unterstützen und verstärken sollen, finden in anderen Impfstoffen ebenso Verwendung. Über die Verträglichkeit dieser Stoffe gibt es bereits ausreichende Daten. Die Europäische Kommission habe deshalb den Impfstoff ohne Bedenken zulassen können. "Sehr, sehr seltene Nebenwirkungen wird man immer erst in der breiten Anwendung finden", machte Frau Stöcker deutlich. Das sei wie bei jedem anderen Impfstoff auch der Normalfall.<script type="text/javascript"></script><script type="text/javascript"src="http://pagead2.googlesyndication.com/pagead/show_ads.js"></script>





